
Gelesen: 19. – 22.04.2026 (netto 341 Seiten)
Übersetzung: Daisy Dunkel (Pseudonym)
Im Waschzettel lese ich das die Autorin eigentlich keine Krimis schreibt und diese Buch (das 6te) ihr erster Ausflug in ein klassisches whodunit ist.
Was sie wohl kann, ist Personen, Orte, Milieus und gesellschaftliche Verhältnisse zu einem Blue-Collar-Setting zu verdichten, in dem es – aufregend, packend, mit tief fühlbarem Realismus und wohldosiert trockenem Humor – um Leben und Tod geht (aus ebendem Waschzettel).
Wenn Engel brennen ergänzt dazu einen Mordfall, zwei persönliche Familiendramen und eine komplizierte Liebesgeschichte, alles aus der Perspektive ihrer Heldin, der Polizeichefin Dove Carnahan. Chief in einem Kaff, btw.
Als ein junges Mädchen ermordet und ihre Leiche in einem Erdloch einer verlassenen Bergbaustadt (in der ein Kohlefeuer im Untergrund brennt) in Pennsylvania zurückgelassen wird, schließt sich die kleine Polizei von Chief Carnahan ihrem ehemaligen Mentor, dem State Trooper Nolan Greely, bei der Jagd nach dem Mörder an.
Um den Mörder zu finden, muss Dove die Angehörigen des Opfers befragen. Die arme und dysfunctionale Familie der Toten weckt Erinnerungen an Carnahans eigene schwierige Familie: eine ermordete Mutter und einen suizidgefährdeten Bruder, der jahrzehntelang verschwunden war.
Twani O’Dell enthüllt Schicht für Schicht die Persönlichkeit ihrer Ich-Erzählerin. Mit ihren fünfzig Jahren spürt Dove, wie ihre Schönheit verblasst, gibt zu, sich bei ihren Entscheidungen im Dienst von ihren Gefühlen leiten zu lassen, und erkennt, dass ihre Kindheit sie noch viele Jahre verfolgen wird.
Eine ziemlich faszinierende Heldin ist sie aber trotzdem. Eine starke Frau, die sich auch mal nimmt was sie will. Oder die Motoradreifen eines nervenden Jugendlichen erschießt (das sie den Nervsack nicht erschießen darf).
Die Rückblenden auf ihre Vergangenheit ermöglichen dem Leser dabei ein tieferes Verständnis von Dove als Frau und Polizistin zu bekommen. Die Geheimnisse um beide Familien treiben die Handlung voran, während nach und nach Details enthüllt werden. Manchmal durch Zufall, manchmal durch Polizeiarbeit.
Das Finale ist cool, und auch wenn der erfahrene Krimileser den Täter vielleicht schon vor den letzten Seiten erraten hat. Das schmälert aber nicht den Genuss des kunstvoll gestalteten Schlusses, der einen kleinen Cliffhänger zurücklässt.
Wenn da mehr kommt lese ich das auch, cooler Hinterwald-Noir!
Soundtrack dazu: Scream – Mineshaft burning, was sonst?
PS: Und Tawni so?



