Blog

  • Bücher, schnell gelesen: 1.832

    Bücher, schnell gelesen: 1.832

    Michael Ehnert – Wache 16 (Junius Verlag, 2026)

    Gelesen: 23. – 28.04.2026 (netto 296 Seiten)

    Das ist eine schöne Hamburgensie… im schnodderigen Tonfall der 70er gibt einen schönen Kiez-Polizei-Luden-Hells-Angels … ja was eigentlich? Ein Krimi ist das nicht, es ist ehr die Geschichte einer Wache, erzählt entlang der Entwicklung eines jungen Polizisten der frisch aus der Ausbildung dahin versetzt wird.

    Michael Ehnert mischt dazu seine eigene Sicht (in extra gekennzeichneten Segmenten) und die Erlebnisse seines Vaters (der war nämlich Polizist an dieser Wache).

    Die Wache 16 ist in der Hamburger Punk Historie vielen ein Begriff, etliche haben Ende der 70er / Anfang der 80er Bekanntschaft mit der längsten Treppe der Welt gemacht (die fielen nämlich überraschend viele Gäste der Wache runter, auf dem Weg in den Zellentrakt).

    Die alte Wache 16 ist inzwischen das Commodore Hotel… (Foto: Netzfund)

    Zusammen mit der Davidwache war diese Wache für den nördlichen Kiez und das heutige Schanzenviertel zuständig. Und dort wurde mit harter Hand das Recht, sowie das Recht des stärkeren durchgesetzt (der Status Quo der Luden zB).

    Die Gesichte spielt in den 70ern und erzählt viel, wie es damals war. Was Frauen durften (und was nicht), was Männer durften (und wie wenig das eingeschränkt wurde), Klassengrenzen und was Frauen in die Prostitution bringt.

    Dazu kommen dann Mitte der 70er die Hells Angels (die dann 1983 in Hamburg verboten wurden) in die Schanze und wollen ihren Anteil am Kuchen Reeperbahn.

    Und die Punker ins Karoviertel (von denen Michael Ehnert einer war).

    You got nicked! (Foto: Netzfund)

    Polizeiliche Erziehungsmaßnahme, my ass!

    Zeitungsausschnitt von 1980 (oldpunks.de -> Riots)

    Ziemlich gelungenes Sittenbild, es zeichnet ein sehr reales und realistisches Bild von “damals”. Und das passt vor allem, weil Sprache und Sprachbilder zu damals passen.

    Soundtrack dazu: Ricco Raw feat. Schiwecko vs. G.A.S. Hausband – Bullenwagen klaun und die Innenstadt demolieren, was sonst?

    PS: Und Michael so?

    PPS: Und wie sah das damals aus? Ziemlich abgewrackt, meine Kamera hat 1983 so ein Bild festgehalten…

  • Bücher, schnell gelesen: 1.831

    Bücher, schnell gelesen: 1.831

    Tawno O’Dell Wenn Engel brennen (Ariadne, 2024)

    Gelesen: 19. – 22.04.2026 (netto 341 Seiten)

    Übersetzung: Daisy Dunkel (Pseudonym)

    Im Waschzettel lese ich das die Autorin eigentlich keine Krimis schreibt und diese Buch (das 6te) ihr erster Ausflug in ein klassisches whodunit ist.

    Was sie wohl kann, ist Personen, Orte, Milieus und gesellschaftliche Verhältnisse zu einem Blue-Collar-Setting zu verdichten, in dem es – aufregend, packend, mit tief fühlbarem Realismus und wohl­dosiert trockenem Humor – um Leben und Tod geht (aus ebendem Waschzettel).

    Wenn Engel brennen ergänzt dazu einen Mordfall, zwei persönliche Familiendramen und eine komplizierte Liebesgeschichte, alles aus der Perspektive ihrer Heldin, der Polizeichefin Dove Carnahan. Chief in einem Kaff, btw.

    Als ein junges Mädchen ermordet und ihre Leiche in einem Erdloch einer verlassenen Bergbaustadt (in der ein Kohlefeuer im Untergrund brennt) in Pennsylvania zurückgelassen wird, schließt sich die kleine Polizei von Chief Carnahan ihrem ehemaligen Mentor, dem State Trooper Nolan Greely, bei der Jagd nach dem Mörder an.

    Um den Mörder zu finden, muss Dove die Angehörigen des Opfers befragen. Die arme und dysfunctionale Familie der Toten weckt Erinnerungen an Carnahans eigene schwierige Familie: eine ermordete Mutter und einen suizidgefährdeten Bruder, der jahrzehntelang verschwunden war.

    Twani O’Dell enthüllt Schicht für Schicht die Persönlichkeit ihrer Ich-Erzählerin. Mit ihren fünfzig Jahren spürt Dove, wie ihre Schönheit verblasst, gibt zu, sich bei ihren Entscheidungen im Dienst von ihren Gefühlen leiten zu lassen, und erkennt, dass ihre Kindheit sie noch viele Jahre verfolgen wird.

    Eine ziemlich faszinierende Heldin ist sie aber trotzdem. Eine starke Frau, die sich auch mal nimmt was sie will. Oder die Motoradreifen eines nervenden Jugendlichen erschießt (das sie den Nervsack nicht erschießen darf).

    Die Rückblenden auf ihre Vergangenheit ermöglichen dem Leser dabei ein tieferes Verständnis von Dove als Frau und Polizistin zu bekommen. Die Geheimnisse um beide Familien treiben die Handlung voran, während nach und nach Details enthüllt werden. Manchmal durch Zufall, manchmal durch Polizeiarbeit.

    Das Finale ist cool, und auch wenn der erfahrene Krimileser den Täter vielleicht schon vor den letzten Seiten erraten hat. Das schmälert aber nicht den Genuss des kunstvoll gestalteten Schlusses, der einen kleinen Cliffhänger zurücklässt.

    Wenn da mehr kommt lese ich das auch, cooler Hinterwald-Noir!

    Soundtrack dazu: Scream – Mineshaft burning, was sonst?

    PS: Und Tawni so?

  • Bücher, schnell gelesen: 1.830

    Bücher, schnell gelesen: 1.830

    Garry Disher – Zuflucht (Unionsverlag, 2026)

    Gelesen: 15. – 18.04.2026 (netto 321 Seiten)

    Aus dem Englischen von Peter Torberg.

    2018 hatte Garry Disher in Leiser Tod (aus der Challis / Destry Reihe) Grace in seinen Kosmos eingeführt: Eine ausgefuchste Einbrecherin ohne Vergangenheit, ohne Bezugspunkte und immer auf der Reise resp. Flucht.

    In Zuflucht gönnt Garry Disher Grace nun eine Hauptrolle. Und was für eine!

    Grace ist eigentlich weiter auf der Flucht und immer noch am Dinger drehen. Als sie beim ausbaldowern einer Option auf ihren alten Kumpel Adam trifft, nimmt sie Reißaus.

    Und macht aus der Not eine Tugend, nach der sie sich schon lange gesehnt hat. Unter falscher Identität wird sie sesshaft. Geht einem Job nach, wo sie ihre Expertise in Sachen “Wieviel ist das Wert?” einsetzten kann.

    Denn Erin, die Besitzerin von Mandell’s Collectibles (einem Antiquitätenladen), vertraut ihr. Und lässt sie machen.

    Allerdings geht Grace weiter auf Raubzüge um Geld reinzubekommen. Und dabei hat sie einen Fehler gemacht, sie hat durch Zufall einem Polizisten das Leben gerettet. Und sie ahnt, das der irgendwie versuchen wird sie zu finden … und daher über den in der Nähe stattgefundenen Raub stolpern wird.

    Garry Disher setzt perfekt eine ziemliche große Zahl von Handlungssträngen, so das der Leser alleine durch die Spannung die aus der Frage Wann wird sich das Kreuzen? bestens Unterhalten wird.

    Grace bleibt dabei eine sympathische aber mit null Moral agierende Figur. Offensichtlich hatte sie eine schwierige Kindheit im Pflegefamiliensystem und verbrachte ihre prägenden Jahre unter der Fuchtel eines korrupten Polizisten (siehe Leiser Tod).

    Sie wünscht sich ein anderes Leben, doch ihre alte Gewohnheiten und die Sicherheit ihres eigenen Kompass lassen sie wie ein Schiff auf Kurs bleiben, auch wenn es stürmt. Und wenn es fies kommt, dann kann Grace auch fies werden.

    Die Handlung ist komplex, aber nicht kompliziert, da Disher die verschiedenen Erzählstränge gekonnt zu einer stimmigen Geschichte verwebt. Das Tempo ist hoch, mit einer gelungenen Mischung aus Spannung, dramatischer Action und cleveren Wendungen.

    Unter anderem Erin entpuppt sich dabei als mehr als nur ein Opfer.

    Ein fesselnder und spannender Roman, dessen etwas abruptes Ende darauf hindeutet, dass Disher möglicherweise weitere Pläne mit Grace hat.

    Und das wäre perfekt!

    Soundtrack dazu: The Eastern Dark – Stay Sane Somehow, was sonst?

    PS: Und Garry so?

    PPS: Das deutsche Cover sieht nach KI aus (auch wenn die Tanke korrekt als AMPOL gebrandet ist) und ich finde es ehr … doof. Das Original sieht mal wieder besser aus!

    Garry Disher – Sanctuary (The Text Publishing Company, 2024)